Hugo Lederer - ein Tscheche?

Geschichte darf sich nichts hinzudenken ... auch wenn es noch so schön wär!
von Gerold Preiß

Freilich meint man, die Zeit sei längst über all diese Problemchen hinweggegangen, nur ewig Gestrige finden das noch wichtig. Hugo Lederer verließ als neunzehnjähriger Znaim, was sicherlich auch so ausgelegt werden kann, dass ihm die Auseinandersetzungen um die Nationalitäten zuwider waren. Sein Vater war deutschstämmig aus Südmähren und Niederösterreich. Das ist bis 1580 nachweisbar. Ob seine Mutter tschechischstämmig war, ist kaum zu eruieren. Der Familienname deutet darauf hin, auch stammt die Familie aus einem Gebiet nördlich von Znaim, wo viele Tschechen wohnten. Aber alle Vornamen der Familie Balik, bekannt bis 1830, sind in den Kirchenbüchern deutsch geschrieben. Natürlich reizt es, in diesem Zusammenhang die sicherlich unvermeidliche Vermischung deutscher und tschechischer Familien zu untersuchen. Es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass die Tschechen 1945 in beträchtlichem Umfang ihre eigenen Kinder auswiesen. Leider fehlt in Tschechien dafür das Bewusstsein. Jedenfalls hieß die Großmutter Hugos Barbara Kurzweil, ein unzweifelhaft deutscher Name. Die Familie Balik ist mir bis 1846 bekannt und war sicher mährisch. Mähren war damals ein sehr weltoffenes Stammland der Habsburger Krone. Hier wurde fortschrittliche Politik gemacht und nicht selten ausprobiert, was man gerne im ganzen Reich einführen wollte. So war man vor allem international und tolerant gegenüber Religionen. Nirgendwo gab es so viele religiös Andersgläubige wie in Mähren, was auch Zugezogene anderer Nationalität bedeutete. Allerdings änderte sich das am Ende des 19. Jahrhunderts auch hier.

Hugo Lederer selbst wollte nie wieder aus Deutschland zurück, nicht einmal nach Österreich, er nahm den Ruf auf eine Professur in Wien nicht an. Er liebte seine Heimatstadt dennoch sehr, hielt engen Kontakt zur Mutter und Familie. So war er Pate und Trauzeuge meiner Mutter, seiner Nichte. Es ist sicherlich nicht falsch, wenn man ihn als Nationalliberalen einschätzt, der enge Verbindung zu Kaufleuten und Unternehmern hält, aber auch Freunde hat - meist Literaten und Musiker -, die Sozialisten sind. Deshalb ließ Goebbels ihn auch früh fallen, er erhält keine Aufträge mehr, was ihn wirtschaftlich sehr belastet. Das soll nicht leugnen, dass er der Nazi-Ideologie positiv gegenüberstand. Bis heute gibt es um ihn starke Auseinandersetzungen und viele Untersuchungen in Deutschland, deren Bewertung seiner Einstellungen m. E. nicht immer wirklich nahe an seiner tatsächlichen liegt. Da leider keine Quellen vorhanden sind, ist das sehr schwierig zu belegen. Es wird immer betont, dass er ein großer Künstler des beginnenden 20. Jahrhundert war und aus Südmähren stammte. Leider gehen die mir bekannten Beurteiler, meist Kunsthistoriker, rasch zu mehr gesellschaftlichen, sprich politischen Kriterien über, das Werk als solches wird kaum benannt. Erhebliche Zweifel sind berechtigt, ob sich da je einer wirklich Mühe machte, alle vorhandenen Skulpturen zu untersuchen. Es blieb uns von der Familie, allen voran seinem Bruder Karl, meinem Großvater, dies zu vollenden. Es scheint so zu sein, dass man ein Werk unabhängig von Herkunft und Umfeld nicht beurteilen kann. Unwichtig ist das sicherlich nicht! Neben seinen Großskulpturen wie Fechter und Bismarck gibt es aber so herausragende andere wie ,Die Kauernde', ,Richard Strauss' oder ,Pfitzner' oder die Figuren der Jahreszeiten, um nur einen winzigen Teil seiner über 300 bekannten Werke zu nennen. Seine zahlreichen weiblichen Skulpturen widerlegen die oft geäußerte Ansicht, er hätte Frauen ,nicht gekonnt' und die Tierskulpturen, ein erheblicher Teil seiner Werke, spielen in der Einschätzung der Kritiker überhaupt keine Rolle!

Wenn die Znaimer Hugo Lederer heute adaptieren, so ist das sicherlich ein Zeichen seiner Wertschätzung. Er ist da geboren und sein Werk erhielt da seinen Museumsplatz. Aber er war ganz sicherlich niemals Tscheche! Und dass man heute dort sein Werk betreut, ist dem Kriegsgeschehen und der Tatsache zuzuschreiben, dass seine Familie sich nie hätte träumen lassen, dass Deutsche in dieser Stadt kein Zuhause mehr haben würden.

Warum nur gibt es im 21. Jahrhundert noch Menschen im kulturellen Leben, die glauben, es sei wichtig, dass jemand, der wegen seines Künstlertums anerkannt ist, auch gleicher Nation ist? Es ist gerade das Anliegen des europäischen Gedankens, dass man auf die eigene Kultur stolz sein darf und die der Nachbarn achten kann. Was einem gefällt, darf durchaus auch aus einem anderen Kulturkreis kommen. Dies herauszustellen, ist Auftrag des 21. Jahrhunderts, im Wissen um die fürchterlichen Ergebnisse des anderen Denkens im 19. und 20. Säkulum.

Lasst uns das Werk Hugo Lederers als Vermittler nutzen, es ist dafür bestens geeignet!