Kentaurenschale und Kunstkritik

von Gerold Preiß

Die Kentaurenschale des Hugo Lederer ist vermutlich als Obstschale konzipiert. Sie stand im Wohnzimmer meiner Großeltern in Heilbronn und später in Flein auf der Kommode, die wie stets in diesen Räumen von Leuten, die ihre Seriosität und darin beinhaltetes Vermögen dezent darstellen wollten, in dunklem Holz gehalten war. Sie fiel also nicht sofort auf. Bei mir steht sie auf meinem weißen Schreibtisch voll in der Sonne und wirkt schon als Silhouette höchst plastisch. Die Schale nutze ich zur Ablage wichtiger Schriften, sie ist also oft verdeckt. Die beiden Figuren dagegen recken sich sichtbar auf, ihre Pferdeleiber stehen entgegengesetzt, der jeweilige Schwanz liegt eng dem andern an, sodass sie förmlich einen prächtig großen bilden. Es sind schöne Pferdeleiber, ziemlich mächtig sogar, nicht Kaltblüter, aber auch nicht die edler Renner. Da war ein Kenner am Werk, der sich genau überlegte, wie er die Mitte zwischen Arbeitstier, das immerhin etwas tragen sollte, und Reittier herstellen konnte, das auch noch dem Auge gefallen musste. Die beiden Figuren stehen in gleicher körperlicher Haltung, Frau und Mann darstellend, eben als Kentauren nur Oberkörper und Kopf. Die jeweilige Frisur entspricht der Mode um die Jahrhundertwende, man findet sie an vielen Darstellungen von Jugendstilbildern bzw. -figuren. Wer das schon oft sah, sieht darin den Lebensstil dieser Zeit wiedergegeben, flott, naturnah, gebändigt und dennoch offen. Das Haar ist kunstvoll modelliert bis hin zur kleinen Locke, für eine noch nicht einmal 30cm hohe Figur eine erstaunlich präzise Darstellung. Dagegen sind die Gesichter eher schemenhaft ausgearbeitet, man erkennt das jeweilige Geschlecht, ohne dass dabei eine Persönlichkeitsstruktur angestrebt wird. Was sofort auffällt, ist die Geste: Die Frau unterstützt mit den Händen die eigene nackte Brust, eine Geste uralter Symbolkraft: sie soll die Fruchtbarkeit zeigen. Umso überraschter ist man, die gleiche Geste auch beim männlichen Kentauren zu finden. Erklären kann ich das nicht. Die breiten runden Fundamente unter den Hufen vermitteln eine augenfällige Solidität und Erdverbundenheit.

Ich gebe zu, ich betrachte diese Skulptur meist einfach nach ihren Formen und der Schönheit des Materials, dessen glatte Feinheit mich anzieht. Dies ist tägliche Vertrautheit. Nur selten versuche ich zu ergründen, was der Künstler mit dieser Anordnung sagen wollte. Natürlich ist der Kentaur eine uralte Schöpfung der Fantasie, dem allerlei Fähigkeiten, von unbändiger Naturkraft bis treuem Dienst am Menschen nachgesagt wird, dem Bipolarität halb Mensch, halb Tier besonders zu eigen. Die vielen Geschichten und unterschiedlichen Darstellungen vergangener Jahrhunderte werden hier mit hineingenommen in diese Darstellung, einer kleinen Schale eine kulturell hohe Bedeutung eingeschmolzen. Man kann das nur sehen, indem man auch daran denkt. So wie diese Zeit des Wohlstandes der Bürgerlichen mit Stolz sich gesellschaftlich selbst darstellte, so nahm sie Althergebrachtes aus Zivilisation und Kultur mit als Symbol. Die ganze Kreativität wird aufgebracht, um sich in eine Reihe mit denen zu stellen, die nach Wissen und Bildung zu den Großen gerechnet werden, die kraft der Herkunft aus geschichtsträchtiger Kultur dafür geeignet angesehen werden. Man greift zurück auf die griechisch-römische Kultur und deren Ausdrucksformen. Sich damit zu identifizieren, beweist aber auch, welchen Idealen man nacheiferte. Man sieht sich in der Tradition dieser Kultur.

So weit, so persönlich zurückhaltend der Arbeit eines Verwandten gegenüber, mit dessen Kriterien und Interessen von künstlerischer Darstellung ich sehr vorsichtig, ja vielleicht auch misstrauisch umgehe. Ich fürchte vorschnelle Urteile, positive wie negative. Es fehlt uns oft die Möglichkeit, vielleicht auch der Wille, die Ideen unserer Vorfahren in unser Denken und Fühlen einzubinden.

Daher nehme ich Zuflucht zu dem einzigen umfangreichen Werk über ihn, das ich kenne: Ilonka Jochum-Bohrmann, Hugo Lederer. Ich muss lange suchen, bis ich unter all den großen Skulpturen, die ihrer ausführlichen Analyse und kritischen Wertung als Beispiel dienen, diese kleine Skulptur finde. Ich zitiere:

Die Darstellung geballter Kraft kommt in einem anderen, um 1901/02 entstandenen Werk von Lederer zum Vorschein, in einem als Fruchtschale (!) gedachten Objekt. Dieses als ,Fruchtbarkeitsschale' betitelte Bronze-Objekt zeigt zwei identische, rücklings zueinander stehende Kentauren, in den angewinkelten Armbeugen die Halteringe der auf dem Pferderücken befindlichen Schale. - Zeigt A. Böcklin etwa in seinem ,Kentaurenkampf' ... gewissermaßen die Inkarnation der mythologischen Figuren in ihrer wesenseigenen, ungezähmten Wildheit, sind die in stilisierter Formensprache geprägten Kentauren von Lederer in den menschlichen Körperteilen ähnlich dem ,Peyrouse', ins Stierhafte überspannt und erscheinen durchaus ihrer Geltung entsprechend als "Personifikation roher Naturkraft".Ilonka Jochum-Bohrmann: Hugo Lederer, S.161 f.

Hm, da war ich denn doch sehr verblüfft. Ich besichtigte meine Figur gleich noch einmal und besah meine Abhandlung der durchaus geschätzten Kunsthistorikerin mit Bekümmerung. Da war es wieder, dieses Zurechtrücken der Argumente, das Hinein- oder auch Herausschreiben von dem, was man zu beschreiben sich vornahm.

Zunächst fällt auf, dass von Darstellung geballter Kraft nichts zu sehen ist. Ja doch, der männliche Kentaur hat einen kräftigen Nacken, die Arme haben Muskulatur. Aber ich habe Hugo Lederers Ringer und die Figur Peyrouse betrachtet, da ist das etwas ganz anderes. Wenn man die Kriterien der Männlichkeit ansetzt, dann zeigt der weibliche Kentaur eine geradezu überaus einfühlsame Darstellung des weiblichen Körpers. Er ist natürlich und man nimmt ihm körperliche Leistung ab, aber da ist nichts Stierhaftes, nichts von übertriebener Körperlichkeit im Sinne von wilder Kraft. Schon gar nicht sind die beiden Figuren identisch. Diese Kentauren sind gerade nicht im stürmischen, ungezähmten Kampf, sie sind darin begriffen, in sublimierter Form Fruchtbarkeit zu zeigen. Heute würde man zu anderen, wohl eindeutigeren Symbolen Zuflucht nehmen, um solch ein Thema darzustellen, ich muss nur an Picasso denken. ,Personifikation roher Naturkraft' sieht anders aus.

Lederer hatte wohl auch noch andere Darstellungsformen parat, verfolgte auch noch andere künstlerische Zielsetzungen, wie er hier beweist. Der Kunsthistoriker muss Schubladen schaffen, um seine Wertungskompetenz zu zeigen. Was nicht passt, wird umgedeutet, auch wenn das Werk selbst völlig anders aussieht.

Armer Hugo Lederer!