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Vorwort

Hugo Lederer

Als ich das Werkverzeichnis Hugo Lederers von meinem Großvater erbte, faszinierte mich das Schicksal dieses Bildhauers, das man als deutsche ‚Tellerwäscher-Geschichte’ bezeichnen könnte. Was ich bei meinen Recherchen fand, war seltsam, teilweise skurril. Nach meinem Verständnis des Geschehens der letzten mehr als 100 Jahre und nunmehr Studien über mehr als ein Jahrzehnt lang bin ich der Meinung, dass diesem Künstler durch Kunsthistoriker Unrecht geschah und er dadurch vergessen wurde, obwohl er heute noch durchaus präsent ist, wie die zahlreichen Denkmäler, aber auch Kleinskulpturen beweisen. Einige Promotionsarbeiten haben ihn durch eine m. E. unstatthafte Auswahl seiner Werke in die Nähe der NS-Kunst gestellt. Andere lieben es, aus Bemerkungen nur abträgliche persönliche Kennzeichnungen in ihre Darstellungen aufzunehmen, was der Person kaum, dem Werk selbst sicherlich gar nicht gerecht wird.

Einordnung des Künstlers

So begann ich, das Werk Hugo Lederers möglichst vollständig zu dokumentieren, wobei ich bemüht war, die momentane Präsenz aufzuspüren. Das ist bis jetzt noch nicht abgeschlossen, worauf ich durch diese Veröffentlichung aber hoffe. Ich bin weit davon entfernt, einen Verwandten zu glorifizieren, zumal die großformatigen Werke meinem Geschmack kaum entsprechen, kenne aber die Familie gut genug, um sicher zu sein, dass eine andere Wertung angemessen ist. So verließ Hugo Lederer seine Heimat mit 16 Jahren sicherlich auch, weil er der multinationalen ‚Unordnung’ des damaligen Österreich entgehen wollte, wenn auch seine Mutter, eine geb. Balik, von ihm heiß geliebt, immer wieder besucht und durch Post unterrichtet wurde. Er ging seine berufliche Entwicklung erstaunlich zielstrebig an. Er war überzeugter deutscher Nationalist mit einer sozialen Grundanschauung darwinscher Prägung, das damals verbreitete Idealbild nach Jahnschem Muster verehrte Naturkraft und Naturgewalt. Trotz entsprechender Angebote ist er nie nach Österreich oder später in die Tschechoslowakei zurückgekehrt. Obgleich er internationale Verbindungen hatte, blieb er überzeugter deutscher Bürger. Seine Kontakte, nachvollzogen anhand zahlreicher Denkmäler und Porträts, legen ein Schwanken zwischen nationalkonservativ (Bismarck, Generäle) und nationalliberal (Bassermann, Stresemann) nahe, in der damaligen Zeit gewiss nichts Außergewöhnliches.

Die starke Affinität zu Bankern und Großindustriellen ist sicherlich darüber hinaus nicht frei von Geschäftstüchtigkeit, die ihm von künstlerischen Konkurrenten auch nachgesagt wurde (z. B. Barlach). Lederer erhielt seine Professur und seine Ehrendoktorwürden sowie zahlreiche Orden und andere Ehrungen kraft seiner künstlerischen Tätigkeit, er war stolz auf seinen Erfolg, obwohl er keine akademische Ausbildung hatte. Daraus ergibt sich aber auch, dass er kein Theoretiker war, was seine Wirkung auf die NS-Kunst schon vorab doch sehr relativiert. Viele seiner Grabmäler (z. B. Rodenberg/Levy) wie das Heine-Denkmal wurden für Juden gestaltet, sodass der Vorwurf seines Antisemitismus zumindest als Nähe zur NS-Urheberschaft fragwürdig ist und vermutlich auf seine zugegebenermaßen höchst rüde Auseinandersetzung mit Liebermann zurückgeht. Ebenso zählt hierbei seine Herkunft aus österreichischem Milieu. Für ihn spricht auch: Selten dürfte es sein, dass ein Werk 70 Jahre nach Entstehung im Zusammenhang mit der Namensgebung einer Universität eine Rolle spielte (Heine-Universität Düsseldorf, initiiert durch Prof. Chantelau), und das mit seiner Skulptur Heine! Er liebte nach eigener Aussage das ‚offene’ Wort, was ich hier erst einmal eher als geschönte Polemik denn Grundsatz werten würde. Mir zugängliche Auslassungen einiger seiner Meisterschüler wie Emy Roeder oder Gustav Seitz zu seiner Persönlichkeit deuten diese Wertung auch durchaus positiv an. Außerdem lässt sich die Nähe zum Nationalsozialismus auch nicht anhand seiner Werke beweisen, hat er nach 1933 kaum mehr gearbeitet, schon gar nicht im Sinne der NS-Kunstvorschriften. 1933 und später sind nur noch 16 Arbeiten bekannt (von über 300!), davon 6 Entwürfe. So konform war er wohl nicht! In der Familie hält sich die Ansicht, dass er durch Goebbels wegen seiner Nähe zu einigen sozialdemokratischen bzw. sozialistischen Freunden von Aufträgen ‚verschont’ wurde, was Urkunden aus jener Zeit über Einkommen bestätigen. Noch 1939 wird er zur Beibringung des Ariernachweises ermahnt. Zudem war er – 1933 bereits 62 Jahre alt – auch schon seit vielen Jahren sehr krank.

Bei der Durchsicht des Werkverzeichnisses wird rasch deutlich, dass die Ansicht der Kunsthistoriker, er habe nur männliche Skulpturen ‚gekonnt’, auf einem großen Irrtum beruht. Die hohe Zahl von Porträtköpfen hat eher etwas mit der gesellschaftlichen Relevanz von Männern zu tun, als mit seinem Können. Welche Rolle Frauen in seinem Leben spielten, lässt sich ebenfalls anhand seines Lebenslaufs erahnen. Darüber hinaus wird seine starke Neigung zu Tierskulpturen überhaupt nicht gewürdigt.

Woher die Kunsthistoriker also ihre Wertung nehmen, ist mir unklar und erscheint voreingenommen. Vielleicht gelingt mit dieser vollständigeren Aufstellung des Werkverzeichnisses eine bessere Einsicht. Immerhin fand ich ihn im Werk von Meyer-Kahrweg als Hauptmeister der deutschen Bildhauerei im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts bezeichnet (1991).

Entstehung dieses Verzeichnisses

Am Ende des 2. Weltkrieges drohten alle Unterlagen des Werkes von Hugo Lederer in Vergessenheit zu geraten. Zuvor hatte sein Sohn Heinz das Atelier aus Berlin 1941 ins Museum Znaim (Znojmo, Tschechien) verlegt, wodurch die vorhandenen Arbeiten vor der Zerstörung gerettet wurden. Freilich waren sie lange kaum zugänglich, sind die Sprachschwierigkeiten oft heute noch ein großes Hemmnis. Aber die Angehörigen der jüngeren Generation gehen offensichtlich etwas unkomplizierter an die Begegnungen heran, sodass ich imstande bin, nahezu vollständig zu dokumentieren, was sich in Znaim/Znojmo befindet. Es ist eine große Zahl außerordentlich guter Arbeiten im Besitz des Museums, die anderswo in Dauerausstellungen gezeigt werden, hier leider nicht, was eigentlich dem ursprünglichen Vertrag widerspricht. Der ehemalige Kustos, Libor Šturc, hat durch seine Magisterarbeit das Vorhandene sehr liebevoll aufgearbeitet und dokumentiert, was allerdings nur auf Tschechisch vorliegt. Seine Aufnahmen bilden als Quellenmaterial das Rückgrat dieses Verzeichnisses.

Karl Lederer

Besonderer Dank gebührt Karl Lederer, dem jüngsten Bruder des Künstlers, - meinem Großvater -, der in der neuen Heimat Heilbronn bald nach Etablierung der beruflichen und privaten Verhältnisse, insbesondere aber in der Rente begann, ein Werkverzeichnis zu erstellen. Das Ergebnis ist beachtlich und nahezu vollständig, wenn auch oft ohne Quellenangaben, sodass mir die Suche doch sehr erschwert war. Beim Großteil der Werke sind Schöpfungsdatum, Art und Standort nachgewiesen, bei vielen der gegenwärtige Verbleib, nahezu alle im Bild gezeigt.

Fehlendes wird die weitere Arbeit zum Ziel haben. Ich hoffe, dass sich viele Interessenten bei mir melden (siehe Kontakt).

Gerold Preiß, Juli 2010